Graffiti in Berlin – ein Interview mit Street Artist Christian Bergold

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Christian Bergold hat mit 15 Jahren das erste Mal ein Graffiti an eine Wand gesprüht. Seitdem ist er unter seinem Pseudonym Sner leidenschaftlicher Street Artist. Mittlerweile bemalt er auch ganz legal Leinwände mit abstrakter Kunst und ist als Rapper in der Musikszene aktiv. Aber sein Herz schlägt nach wie vor für die Straßenkunst aus der Spraydose. Ich habe mich mit Christian getroffen und viel Neues über die Berliner Street-Art-Szene erfahren und darüber, wo man Graffiti in Berlin am besten bestaunen kann.

Wie bist du zum Graffiti gekommen?

Ich bin in Marzahn im Plattenbau aufgewachsen. Damals hat mich das Graffiti, das ich überall gesehen habe, sehr fasziniert, ohne dass ich richtig wusste, was das ist. Mit 12 bis 13 Jahren habe ich dann selber die ersten Skizzen gemacht. Ich habe einfach ein paar Buchstaben aneinandergereiht, so wie es die anderen auch gemacht haben. Bei mir war es meistens BRD. So habe ich sehr viel Zeit da rein investiert und immer mehr Graffiti und immer weniger Schule gemacht. Es hat aber mindestens drei Jahre gedauert, bis ich das erste Mal selber auch an einer Wand gesprüht habe.

Was macht die Berliner Graffiti-Szene für dich aus?

Wir Berliner haben einen sehr eigenen Style, der schon sehr verrückt und viel aufwendiger ist als in anderen Orten. Die Graffiti-Szene hat sich hier sehr schnell etabliert. Die Bewegung hat ja ihren Ursprung in Amerika. In den frühen 80ern kam das Graffiti dann nach Berlin und hat sich super schnell entwickelt. Die Berliner waren so begeistert und ehrgeizig, dass sie sehr schnell aufgeholt haben. Schneller als andere europäische Städte, wie London oder Paris.

Würdest du den Berliner Stil von den Styles anderer Städte unterscheiden können?

Es kommt drauf an, mit welcher Stadt man ihn vergleicht. Zu Hamburg oder so gibt es nur einen sehr minimalen Unterschied, da würde es mir schwerfallen, groß zwischen den beiden Stilen zu unterscheiden. New York aber hat definitiv einen ganz anderen Style. Das würde ich schon erkennen.

Man sagt, dass Berlin derzeit weltweit die Graffiti-Hauptstadt Nummer eins sei. Würdest du zustimmen?

Mittlerweile ja, da würde ich zustimmen. Der Fokus ist sehr stark auf Berlin gelegt. Es kommen sehr viele auch aus dem Ausland und wollen hier malen. Sie finden es ganz toll, wenn sie hier ein Piece (Bild) hinterlassen, und brüsten sich damit, wie es früher in New York war.

Was macht einen guten Graffiti-Künstler für dich aus?

Erstmal muss das, was jemand macht, ob reine Buchstaben oder Bilder, einen Ausdruck haben. Wenn es ein reiner Text ist, dann muss er die Leute erreichen. Dann muss er in meinen Augen noch nicht einmal gut aussehen. Wenn es aber ein richtiges Bild ist, mit Hintergrund und Buchstaben etc., dann muss es auch ästhetisch sein. Dann muss das Gesamtbild eine Linie haben und Sinn ergeben. Außerdem muss es sauber gemalt sein, die Übergänge müssen stimmen, wie auch die Outlines und so weiter. Nach fast 20 Jahren habe ich mittlerweile auch ein Auge dafür.

Hast du einen Künstler, den du am meisten schätzt?

Ein Künstler, den ich sehr schätze, ist eine Legende aus den USA, Seen. Einer der allerersten, der auch Züge bemalt hat. Er könnte wahrscheinlich Tausende von Büchern füllen mit Fotos von den Zügen, die er bemalt hat. Er ist mittlerweile über 40 und malt immer noch. Den feier ich total, weil er einfach dazu steht, was er macht, und es nicht als Jugendsünde abgelegt hat.

Drik ist ein Künstler aus Berlin, mit dem ich auch befreundet bin und den ich auch sehr schätze. Er hat so viel Zeit da rein investiert und ist mittlerweile so weit gekommen, dass alle auf ihn aufmerksam geworden sind. Die ganze Szene kennt ihn mittlerweile auf jeden Fall. Meiner Meinung nach ist das einer der aufstrebendsten Künstler derzeit.

Außerdem gibt es auch eine sehr erfolgreiche weibliche Künstlerin, MadC. Die finde ich auch super.

Wo kann man die Berliner Graffiti-Kunst am besten bestaunen?

Es gab am Spreeufer an der Oberbaumbrücke an der Cuvrybrache diese Wahrzeichen vom Künstler Blu. Die kennt wahrscheinlich jeder. Eine Figur davon war ein Mann im Hemd, der Handschellen trägt. Die Gebäude, die er damit bemalt hatte, wurden von einem Investor gekauft und sollen demnächst umgebaut werden. Aus Protest hat er die Fassade komplett schwarz gestrichen und einen Stinkefinger hingemalt. Da steckt auf jeden Fall sehr viel Geschichte dahinter.

Von Drik gibt es sehr viele Pieces in Berlin. Eins davon kann man zum Beispiel in Neukölln an der Böcklingstraße/Ecke Wühlischstraße sehen.

Ansonsten sind auch noch gute Adressen das Suicide Circus an der Warschauer Straße und die Eisfabrik am Ostbahnhof. Da gibt es auch wirklich gute Kunst zu sehen.

Vielen Dank für das schöne Gespräch, Christian!

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